Bürger Lenin

literatur

Lenins als Beschreibung wie als Postulat gemeinte Feststellung “Wissen ist Macht“ stimmt nur zur Hälfte. Zur anderen Hälfte entspringt sie einem kleinbürgerlichen Mißverständnis, das verheerende Folgen für die Arbeiterbewegung hatte. Lenin differenzierte seine plakative Forderung zu wenig. Dafür hatte er Gründe. Keine guten.

Wenn das Wissen, das Unterprivilegierte erwerben sollen, aus dem Bildungshorizont ihrer Unterdrücker stammt, kann es nur zur Verlängerung und Weitergabe von Sklaverei führen. Wirkliche Bildung hat mit bürgerlichem Bildungswissen nicht viel gemein.

Selbst wenn der Sklave sich wie sein Schinder eine Peitsche besorgt hat und damit zurückschlägt, ist das System der Unterdrückung nicht abgeschafft. Siehe Lenins Erben, die mit den Zielen der Oktoberrevolution nichts mehr im Sinn hatten.

Die unvermeidlich blutbefleckten Visionäre der ersten Stunde haben im Russenreich, das nie ein Sowjetreich war, wie bei jeder modernen Revolution gar bald den bürokratischen Statistikern Platz machen müssen, die sich und ihr Land unter einer großen Zukunft begruben, die ihnen für jede Schandtat als Ausrede diente, ebenso wie der Hinweis auf den vermeintlichen Willen des großen Charismatikers, den sie auf ein zum Typus vereinfachtes Denkmal reduziert hatten: Lenin.

Daß sie im Urgrund ihres Denkens bürgerlich geblieben waren, rächte sich, kaum daß die Revolution ihre Kinder gefressen hatte, unter der grausamen Diktatur des primitiven Despoten, der Lenin nachfolgte. Die Verwesungsschwaden aus den Gräbern von Katyn und vielen tausend anderen Mordschauplätzen mischten sich mit dem Gestank der Gasöfen von Treblinka.