Psychologismus
Warum sollte es mit der Psychoanalyse anders sein als mit der Religion? Sie handelt von etwas, das es nicht gibt, das man jedoch erfinden mußte, weil die Mehrheit der Menschen ohne ICH nicht leben mag, ebensowenig wie ohne IHN. Wer will schon, muß er denn der Liebe entraten, auch noch Glaube und Hoffnung fahren lassen?
Freud hat auch der lächerlichsten Durchschnittsexistenz die Dimension der Tiefe suggeriert. Frau Schmidtkötter aus Radevormwald kann ihren Aufstieg durch den clever organisierten Verkauf von Frischgemüse, Zahnpasta und Hundefutter in ihrem Lädchen zur Sublimierung niederer Strebungen stilisieren, wenn sie’s drauf anlegt, oder haben Lebensmittelhändler vielleicht kein Überich? Die mit abstrakter Lebenshilfe handeln, gestehen ihnen jedenfalls gnädig eins zu. Die wissen:
Niemand möchte als flach gelten, und Freud verdankt auch der letzte Hänger die Illusion, mehr zu sein als er ist, kein alltäglicher Dutzendling, sondern wer mit Tiefgang, nicht flach, sondern abgründig und geheimnisvoll.
Die Intelligenteren unter den Therapieschamanen, die Gewinn aus dem Irrglauben an solch spekulative Scheinwissenschaft schlagen, ahnen nicht nur, sie wissen genau, daß sie Theater spielen, aber sie tun weiter so, als sei das Spiel die Realität, denn die Gagen sind verführerisch hoch, und die Arbeit ist nicht allzu belastend.
Die alten Römer ahnten das. „Wenn ein Haruspex den anderen sieht, muß er lachen“, sagten sie, aber wer lacht heute noch, wenn ein Konkurrent auf dem Markt erscheint, dem so gewinnträchtig boomenden Markt der Therapien?