Tango

literatur

Seiderascheln, Netzstrumpf im hohen Seitenschlitz: erotisches Vorspiel zur getanzten Verschlingung, der Pianist bricht plötzlich das Vorspiel ab. In die gespannte Stille erste Akkordeonakkorde, ausgreifende Werbeschritte der Tänzer, dann Hüftgeschmiege, strenge Augen bei schamloser Gestik, Schlagzeug und Baß bilden Spannungsbögen, Saxophonriffs suggerieren trotzige Trauer, choreographierter Machismo im lustvollen Kampf der Geschlechter, der Erotikdynamo läuft auf Hochtouren, hin und wieder ins Gefühlige gedämpft durch das bittersüße Klagen des Bandoneons.

Heute sind es eher nostalgisch gestimmte Intellektuelle anstelle der Wochenendrambos und Animierdamen, die das Hautprickeln überkommt, der allfällige Herzschmerz beim trotzig verhaltenen bis leidenschaftlich enthemmten Gliederspiel, das aus dem geilen Gerenke argentinischer Hafenproleten entstand, ein herrliches Musikgewächs aus Slums und Bordellen, das eine rüde, grelle, laute, immer feindliche Umgebung mit ihren Fluchtritualen widerspiegelt, eine Welt aus Wut, Stolz und Eigensinn und maßloser Sehnsucht gemischt, eine männliche Welt der Zukurzgekommenen, die aus den Vorstädten von Buenos Aires in die europäischen Salons schwappte, zur Internationalen der Desperados mutierte, die Botschaft verbreitend, daß auch in verzweifeltster Umklammerung die Körper ihrem Ziel nicht näher kommen, daß Weltflucht und Liebessucht im Sehnen stecken bleiben müssen, bäumen sich auch die Tänzer in kaum erträglicher Anspannung dagegen auf, zerrissen zwischen Glücksverlangen und der ewigen Bitternis des Daseins.

Noch in der pathetischen, zuckergußgeschönten, sozusagen kastrierten Version des alten Tango, die als sentimentales Klangbild in Europa vermarktet wird, klingt gelegentlich die Ausdruckskraft des Originals auf, das mit schroffen Akkorden und melancholisch entrückten Melodien Geschichten erzählte.

Im Tango leben die Toten, die Toten, deren Skelette der Rio Parana blankscheuert oder die Pampasonne dörrt, über deren Kopfende nicht das erlösende Kreuz gepflanzt ist; im Tango wuchern die Mythen der Gewalt und des Wahnsinns, von denen die Vorstädte sich nährten, bis die fremde Kunst der laufenden Bilder die eigenen Bilder ausbleichte und aufsaugte. Bis ein Rückimport aus Europa in Form eines sterilen Modetanzes sich über die originäre Wildheit des Tango legte und schließlich ihn selbst zu einem der sentimentgeladenen Erinnerungsbilder machte, die er immer gespiegelt hat.